SOCIAL PROOF REPORT

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07/26

Klassenchats

Wenn er es nicht lässt, ist er tot." Pornografische Inhalte und sogar Enthauptungsvideos kursieren in WhatsApp-Gruppen von Schüler:innen, teilweise unter Zehn- und Elfjährigen.

In denselben Chats, in denen kurz vorher noch nach den Hausaufgaben gefragt oder die erste Stunde am nächsten Morgen geklärt wurde, tauchen plötzlich Drohungen, Beleidigungen, rassistische Sticker oder verstörende Bilder auf.¹

Für die Beteiligten endet das nicht mit dem Schultag. Ein Streit aus der Pause läuft am Nachmittag weiter. Eine Person wird vor der Klasse bloßgestellt, aus der Gruppe entfernt oder mit immer neuen Nachrichten unter Druck gesetzt. Andere lesen mit, reagieren mit Lach-Emojis oder sagen aus Angst, selbst zum Ziel zu werden, gar nichts. Am nächsten Morgen sitzen alle wieder im selben Klassenzimmer.

Genau deshalb müssen wir über Klassenchats sprechen. Sie sind längst Teil der Lebensrealität junger Menschen und verbinden schulische Organisation mit den Konflikten, Rollen und Machtverhältnissen einer Klasse. Dieser Report untersucht, warum Situationen dort so schnell eskalieren können, weshalb Jugendliche belastende Gruppen häufig trotzdem nicht verlassen und was Schulen brauchen, um früher reagieren zu können.

Der WDR und Jonas Ems haben Klassenchats thematisiert.

RELEVANZ DES THEMAS

Klassenchats sind inzwischen Teil der sozialen Infrastruktur einer Klasse. 82 Prozent der befragten 10- bis 16-Jährigen sind Mitglied in mindestens einer solchen Gruppe.² Dort werden Hausaufgaben nachgefragt, Materialien geteilt und kurzfristige Änderungen weitergegeben. Der Chat hält aber auch den informellen Kontakt aufrecht: Wer schreibt viel, wer reagiert, wer kennt die Insider und wer bekommt mit, was gerade in der Klasse passiert?

Weil schulische Informationen, private Gespräche und Gruppenzugehörigkeit im selben Chat zusammenkommen, können Konflikte schnell die gesamte Klasse erreichen. Die WDR-Reportage und ein Videobeitrag von Jonas Ems auf YouTube zeigen einen wiederkehrenden Verlauf. Ein Streit aus der Schule wird am Nachmittag fortgesetzt. Eine Person wird aus der Gruppe entfernt oder vor den anderen bloßgestellt. Mitlesende greifen nicht ein, weil sie selbst nicht in den Fokus geraten wollen. Der Streit läuft nach Schulschluss weiter und ist am nächsten Morgen im Klassenzimmer nicht verschwunden.¹⁵

Daneben gelangen Inhalte in die Gruppe, die mit der Klasse ursprünglich nichts zu tun hatten. Jugendliche übernehmen Videos, Sticker und Bilder aus TikTok, Instagram, anderen Gruppenchats oder offenen Plattformen und leiten sie weiter. So treffen schulische Konflikte auf gewaltbezogene, sexualisierte, rassistische oder extremistische Inhalte aus anderen Teilen des Netzes.

Der Klassenchat wird zur Schnittstelle zwischen dem sozialen Gefüge der Klasse und dem restlichen Feed. 35 Prozent der befragten Klassenchat-Nutzer:innen berichten, dort bereits etwas Unangenehmes oder Belastendes gesehen zu haben.²

Der naheliegende Ausweg, die Gruppe einfach zu verlassen, ist für Jugendliche oft keine echte Option. Im Chat liegen wichtige Informationen, private Gespräche und die laufende Kommunikation der Peergroup nebeneinander. Wer austritt oder entfernt wird, verliert also mehr als nur einen Nachrichtenkanal. Eine Studie mit jungen Jugendlichen untersuchte den Ausschluss aus WhatsApp-Klassengruppen und fand Zusammenhänge mit emotionalen Symptomen. Die Angst, soziale Ereignisse und Gespräche zu verpassen, vermittelte einen Teil dieses Zusammenhangs.⁶ Das erklärt, warum Jugendliche auch dann in einer Gruppe bleiben, wenn sie deren Ton oder Inhalte belastend finden.

Was im Chat passiert, wirkt außerdem auf die gesamte Klasse zurück. Eine Untersuchung mit Schüler:innen verschiedener Altersstufen fand, dass Erfahrungen mit Cybermobbing in WhatsApp-Klassengruppen mit einem schlechter wahrgenommenen Klassenklima und einem geringeren Zugehörigkeitsgefühl zusammenhingen.⁷

Digitale Ausgrenzung betrifft damit nicht ausschließlich einzelne Nachrichten oder einzelne Betroffene. Sie verändert, wie sicher sich Schüler:innen in ihrer Klasse fühlen, wem sie vertrauen und ob sie sich als Teil der Gemeinschaft erleben.

Für Schulen entsteht daraus eine schwierige Situation. Die Gruppe wurde privat gegründet, Lehrkräfte sind meist nicht beteiligt und können die Kommunikation nicht überblicken. Die Folgen erscheinen trotzdem im Schulalltag: als Angst vor dem nächsten Schultag, als Konflikt in der Pause, als Rückzug, als Beschwerde von Eltern oder als Hilferuf an eine vertraute Lehrkraft.¹ ⁵ Klassenchats liegen damit zwischen privater Kommunikation und schulischer Verantwortung. Dieser Zwischenraum braucht klare Zuständigkeiten, verlässliche Ansprechpersonen und digitale Bildung, bevor eine Gruppe eskaliert.

Auch auf TikTok wird über Klassenchats gesprochen. (Video 1, Video 2)

PSYCHOLOGISCHE EINORDNUNG

Psychologisch interessant ist, warum Konflikte im Klassenchat schneller eskalieren können, warum Mitlesende häufig passiv bleiben und weshalb Unterstützung oft erst spät geholt wird.

Drei Mechanismen helfen, diese Prozesse zu verstehen:

Der erste ist der Online-Disinhibition-Effect. Fehlende unmittelbare Reaktionen wie Mimik oder Tränen senken die Hemmschwelle, andere zu beleidigen oder verstörende Inhalte zu teilen.³ Eine befragte Schülerin bringt das auf den Punkt: In Klassenchats trauen sich viele mehr, weil sie glauben, dass nichts nach außen dringt und sie keine Konsequenzen tragen müssen.¹ Diese wahrgenommene Konsequenzlosigkeit erklärt auch, warum Inhalte weiterverbreitet werden, die außerhalb des Chats nie geteilt würden: Ein rechtsextremer Sticker oder ein Gewaltvideo lässt sich ohne unmittelbare Reaktion der betroffenen Person verschicken.

Der zweite Mechanismus ist der Bystander-Effekt. Wenn niemand sich zuständig fühlt, weil auch sonst niemand eingreift, verteilt sich Verantwortung auf die gesamte Gruppe und wird für die einzelne Person subjektiv geringer.⁴ Die Befragungsdaten machen diesen Effekt sichtbar: Von den Kindern und Jugendlichen, die belastende Inhalte gesehen haben, hat gut ein Drittel mit niemandem darüber gesprochen, und wer sprach, wandte sich deutlich häufiger an die eigenen Eltern als an eine Lehrkraft, obwohl der schulische Ansprechpartner in aller Regel bekannt ist.²

Es fehlt nicht an Information darüber, wohin man sich wenden kann, sondern an der Bereitschaft, diesen Schritt aktiv zu gehen, solange man sich selbst nicht unmittelbar als Ziel sieht. Neben dem Bystander-Effekt, spielt auch der soziale Druck, keine sichtbare “Petze” sein zu wollen, eine Rolle.

Der dritte Mechanismus betrifft die konkrete Wirkung wiederholter Konfrontation mit belastenden Inhalten. 25 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen haben sich deswegen Sorgen gemacht, 20 Prozent haben den Chat verlassen, 19 Prozent hatten das Gefühl, das eigene Handy nicht weglegen zu können, 17 Prozent hatten deswegen keine Lust mehr, in die Schule zu gehen, 15 Prozent hatten Konzentrationsprobleme bei Hausaufgaben oder im Unterricht, 8 Prozent haben geweint.²

Diese Reaktionen zeigen, dass die Belastung nicht abstrakt bleibt, sondern konkret in Schlaf, Konzentration und Schulmotivation hineinwirkt. Für die besonders betroffene Gruppe der 12- bis 13-Jährigen kommt ein weiterer Faktor hinzu: Gewöhnung an das, was im Chat kursiert. Eine in der WDR Reportage befragte Schulleiterin beschreibt eine Abstumpfung gegenüber Gewalt- und sexualisierten Inhalten bei jüngeren Schüler:innen. Reaktionen des Schocks treten mit der Zeit seltener auf, weil wiederholte Konfrontation die affektive Reaktion dämpft

Zwölf- bis 14-Jährige treffen dabei auf Bilder, für die ihnen sowohl die eigene Betroffenheit als auch die Fähigkeit zur Einordnung noch fehlen.¹ Ein befragter Schüler, der einen rechtsextremen Sticker in seinen Klassenchat gepostet hatte, beschreibt sein Motiv als Witz, nicht als Überzeugung.¹ Für die Verbreitung des Symbols macht das keinen Unterschied: Es normalisiert Inhalte unabhängig von der Absicht der sendenden Person.

Für strafrechtlich relevante Inhalte, insbesondere geteilte Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder, gilt eine eigene Logik. Anders als bei Mobbing oder extremistischen Inhalten reicht hier bereits der unbeabsichtigte Erhalt und Verbleib einer automatisch heruntergeladenen Datei auf dem eigenen Gerät für eine Strafbarkeit aus, sobald das strafmündige Alter erreicht ist.¹ Das trifft Kinder in einer Doppelrolle: als potenziell Betroffene der Konfrontation mit solchen Inhalten und gleichzeitig als rechtlich verantwortliche Besitzer:innen einer Datei, deren Vorhandensein ihnen oft gar nicht bewusst ist.

Beispiele in der WDR-Doku von Bildern und Texten, die in echte Klassenchats geschickt wurden.

RESSOURCEN & ABSCHLUSS

Klassenchats sind für die meisten Kinder zunächst das, was die Befragung in eigenen Worten zeigt: hilfreich, praktisch, manchmal nervig, meistens gut.² Direkt daneben liegt eine zweite Realität, in der mehr als jedes dritte Mitglied bereits belastende Inhalte gesehen hat und in der der Weg vom Wissen um eine Ansprechperson zum tatsächlichen Gespräch selten gegangen wird.²

Praktisch heißt das für Schule und Elternhaus: Ein bekannter Ansprechpartner allein reicht nicht, wenn der erste Schritt dorthin fehlt. Hilfreicher sind niedrigschwellige, wiederkehrende Anlässe, in denen über den Chat gesprochen wird, bevor eine konkrete Belastung vorliegt, etwa nach dem Vorbild einer Klasse aus dem Ruhrgebiet, die nach einer Eskalation gemeinsame Chatregeln und ein rotierendes Amt eingeführt hat, das den Chat mitbeobachtet und problematische Inhalte meldet.¹ Ein zweiter, sehr konkreter Punkt betrifft Technik: Viele Messenger speichern erhaltene Bilder und Videos automatisch in der Galerie. Bei strafrechtlich relevanten Inhalten wird das zum eigenen Risiko. Kinder, Lehrkräfte und Eltern sollten wissen, dass eine ungewollt erhaltene Datei weder weitergeleitet noch als Screenshot gesichert werden sollte, weil bereits das Anfertigen eines Screenshots als Vervielfältigung strafbar sein kann. Richtig ist stattdessen, die Nachricht unverändert zu lassen, den Chatverlauf zu sichern und eine erwachsene Vertrauensperson oder direkt die Polizei zu informieren.¹

Ein Klassenchat findet formal privat statt, außerhalb des Schulgeländes und der Unterrichtszeit. Sobald Schüler:innen sich aber mit dem, was dort passiert, an eine Lehrkraft wenden oder Konflikte in den Schulalltag hineinwirken, wird er zu einem schulischen Thema, auch ohne klar definierten Auftrag. Für strafrechtlich relevante Inhalte liegt die Zuständigkeit nicht bei der Schule allein, sondern bei der Polizei. Diese Grenzen offen zu benennen macht deutlich, wann welche Institution gefragt ist.

INFOKASTEN

ANLAUFSTELLEN & QUELLEN

Anlaufstellen:

Quellen:

  1. ARD-Reportage „Inside Klassenchats“ (2026). Fallbeispiele, Befragungen und Interviews mit Schüler:innen, Lehrkräften und Fachpersonen.

  2. Infratest dimap (2026). Nutzung von Klassenchats an Schulen in Deutschland 2026. Umfrage im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks. Erhebungszeitraum: 26. Januar bis 20. Februar 2026. Grundgesamtheit: 10- bis 16-jährige Kinder und Jugendliche in Deutschland, n = 1.257.

  3. Suler, J. (2004). The online disinhibition effect. CyberPsychology & Behavior, 7(3), 321–326. https://doi.org/10.1089/1094931041291295

  4. Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4), 377–383. https://doi.org/10.1037/h0025589

  5. Ems, J. (2026). Videobeitrag zu Klassenchats, Cybermobbing und belastenden Inhalten im digitalen Schulalltag.

  6. Marengo, D., Settanni, M., Fabris, M. A., & Longobardi, C. (2021). Alone, together: Fear of missing out mediates the link between peer exclusion in WhatsApp classmate groups and psychological adjustment in early-adolescent teens. Journal of Social and Personal Relationships, 38(4), 1371–1379. https://doi.org/10.1177/0265407521991917

  7. Kashy-Rosenbaum, G., & Aizenkot, D. (2020). Exposure to cyberbullying in WhatsApp classmates’ groups and classroom climate as predictors of students’ sense of belonging: A multi-level analysis of elementary, middle and high schools. Children and Youth Services Review, 108, 104614. https://doi.org/10.1016/j.childyouth.2019.104614

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Der Social Proof Report ist Teil des Mental²-Kooperationsprojektes zwischen der Techniker Krankenkasse, Kopfsachen e.V. und Social Proof.

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